Ausgewählte Studien & Fachartikel
Diese Seite zeigt bewusst nur eine begrenzte Auswahl besonders relevanter Studien und Fachdokumente.
Die vollständige internationale Studienlage ist deutlich umfangreicher und wächst kontinuierlich.
Eine große Auswahl an Studien zu Fluorchinolonen und Fluorchinolon-assoziierter Behinderung ist bei der Fluoroquinolone Study Foundation zu finden.
Länder
Studien

BMC Medicine | 2025
High risk for life-threatening adverse events of fluoroquinolones in young adults: a large German population-based cohort study
In einer großen deutschen Studie mit Krankenkassendaten wurde untersucht, ob die Einnahme von Fluorchinolon-Antibiotika mit schweren Nebenwirkungen zusammenhängt. Dafür verglich man mehrere Millionen Behandlungen mit Fluorchinolonen mit anderen gängigen Antibiotika und beobachtete die Betroffenen bis zu ein Jahr lang. Dabei zeigte sich, dass Fluorchinolone häufiger mit schweren Problemen wie Todesfällen, Leberschäden, Herzrhythmusstörungen und Erkrankungen der Hauptschlagader verbunden waren – allerdings nicht bei allen gleich. Besonders auffällig waren ein erhöhtes Risiko für Todesfälle und Leberschäden bei Frauen unter 70 Jahren, ein erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen bei jungen Männern sowie Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Aortenschäden bei jungen Frauen. Die Risiken fielen je nach Vergleichsantibiotikum unterschiedlich aus und nahmen bei höheren Dosierungen zu, was zeigt, dass Fluorchinolone je nach Personengruppe deutlich unterschiedliche und teils ernsthafte Risiken haben können.

Angewandte Chemie (International Edition) | 2025
Chemical Proteomics Reveals Human Off-Targets of Fluoroquinolone Induced Mitochondrial Toxicity
Die Studie zeigt erstmals konkrete „menschliche Off-Targets“ (also unbeabsichtigte Bindungspartner) von Fluorchinolonen, die mitochondriale Toxizität erklären helfen: In menschlichen Zellen führten vor allem Ciprofloxacin und Levofloxacin zu einer messbaren Störung der Atmungskette (besonders Komplex I und IV). Mit chemoproteomischen Methoden (u. a. Photo-Affinity-Profiling mit FQ-Sonden und Thermal Proteome Profiling) wurden anschließend die wichtigsten Bindungspartner in lebenden Zellen identifiziert: AIFM1 (mitochondrial) und IDH2. Beide Interaktionen wurden biochemisch validiert; dabei triggert AIFM1-vermittelte ETC-Dysfunktion eine kompensatorische Stoffwechsel-„Rettung“ über IDH2 (reverse Carboxylierung) – wird IDH2 gleichzeitig gehemmt, verstärkt sich die mitochondriale Toxizität. Insgesamt liefert die Arbeit einen plausiblen molekularen Mechanismus, warum Fluorchinolone mitochondriale Schäden auslösen können, und liefert Ansatzpunkte, um künftig sicherere Fluorchinolone zu entwickeln.

NeuroSci | 2021
Fluoroquinolones-Associated Disability: It Is Not All in Your Head
Die Publikation ist eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit über die toxischen Nebenwirkungen von Fluorchinolon-Antibiotika, mit besonderem Fokus auf neurologische Effekte und mögliche Beteiligung des Nervus vagus. Fluorchinolone werden zwar zur Behandlung bakterieller Infektionen eingesetzt, stehen aber im Zusammenhang mit einer Reihe seltener, teils langanhaltender Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen (QT-Verlängerung), Krampfanfällen, psychischen Symptomen, peripherer Neuropathie, Sehnenrissen und anderen Störungen. Die Autor:innen diskutieren, dass Fluorchinolone selektiv an GABAᴀ-Rezeptoren binden und so die GABA-Signalübertragung hemmen können, was den Nervus vagus und seine Kontrolle des Magen-Darm-Trakts beeinträchtigen könnte und zu chronischen gastrointestinalen Symptomen beitragen kann. Obwohl der Begriff „Fluorchinolon-assoziierte Behinderung (FQAD)“ von der US-Arzneimittelbehörde (FDA) vorgeschlagen wurde, ist dieses Syndrom bislang nicht offiziell anerkannt, was u. a. an der Vielfalt der Symptome und fehlenden eindeutig reproduzierbaren Tiermodellen liegt. Die Arbeit fasst vorhandene klinische und experimentelle Erkenntnisse zusammen und schlägt vor, dass neurochemische Ungleichgewichte durch die Wirkung der Antibiotika auf zentrale Nervensystem-Signalwege eine Rolle bei der Entstehung langfristiger Nebenwirkungen spielen könnten.

WIdo| 2019
Risikoreiche Verordnungen von
Fluorchinolon-Antibiotika in
Deutschland
Der Bericht des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) untersucht die Verordnungspraxis von Fluorchinolon-Antibiotika in Deutschland und schätzt anhand vorhandener Studien ab, wie viele Patienten dadurch einem zusätzlichen Risiko für schwerwiegende Nebenwirkungen ausgesetzt sind. Fluorchinolone wurden 2018 trotz bekannter Risiken noch relativ häufig verordnet – etwa 3,3 Millionen Patient:innen erhielten sie, obwohl gut wirksame und risikoärmere Antibiotika verfügbar sind. Basierend auf epidemiologischen Hochrechnungen könnte dies zu mehr als 40.000 zusätzlichen Nebenwirkungen geführt haben, darunter vor allem neurologische Symptome, Sehnenrisse und Schädigungen der Hauptschlagader, sowie zu etwa 140 zusätzlichen Todesfällen, die durch andere Antibiotika hätten vermieden werden können. Die Analyse kritisiert, dass Fluorchinolone oft nicht als Reserve-Antibiotika, sondern auch bei leichteren Infektionen eingesetzt werden und fordert eine stärkere Berücksichtigung der Risiken durch Ärzt:innen, bessere Patientenaufklärung und mehr Verantwortung der pharmazeutischen Hersteller im Umgang mit bekannten Sicherheitsproblemen.
Länderspezifische Dokumente
Großbritanien | 2025
Review of risk minimisation for disabling and potentially long-lasting/irreversible side effects associated with fluoroquinolone antibiotics
Der Public Assessment Report der britischen Arzneimittelbehörde Medicines and Healthcare products Regulatory Agency (MHRA) bewertet die Sicherheit von Fluorchinolon-Antibiotika angesichts von Meldungen über schwere, langanhaltende und potenziell irreversible Nebenwirkungen, die mehrere Körpersysteme betreffen können, etwa Sehnen, Muskeln, Nerven oder die Psyche. Der Bericht fasst Daten aus freiwilligen Meldesystemen („Yellow Card“), europäischen Verschreibungsstudien, wissenschaftlicher Literatur und Erfahrungen von Patient:innen zusammen und wurde der unabhängigen Commission on Human Medicines (CHM) vorgelegt, die Empfehlungen abgab. Daraufhin empfahl die CHM, die Warnhinweise in den Produktinformationen zu stärken, darunter klare Hinweise, dass Fluorchinolone nur dann eingesetzt werden sollen, wenn andere geeignete Antibiotika ungeeignet sind, und die Beschreibung der möglichen Nebenwirkungen zu überarbeiten. Die CHM forderte auch bessere Sicherheitskommunikation an Ärzt:innen und die Zusammenarbeit mit medizinischen Fachgesellschaften, um die Risiken besser zu vermitteln. Die MHRA hat Teile dieser Empfehlungen bereits umgesetzt, etwa durch aktualisierte Produktinformationen und Sicherheitshinweise, und arbeitet weiter daran, Bewusstsein und Risikominimierung im britischen Gesundheitswesen zu verbessern.
FDA (Amerika)| 2017
Fluoroquinolone Safety Labeling Changes
Der FDA-Bericht „Fluoroquinolone Safety Labeling Updates“ dokumentiert, warum Fluorchinolon-Antibiotika mit den strengsten Warnhinweisen versehen wurden. Auf Seite 37 beschreibt die FDA Fallanalysen, bei denen Betroffene gleichzeitig Symptome in mehreren Organsystemen entwickelten (u. a. Nerven, Muskeln, Sehnen, Psyche, Sinnesorgane) – ein Muster, das heute als Fluoroquinolone-Associated Disability (FQAD) bezeichnet wird. Auf Seite 45 wird anhand ausgewerteter Nebenwirkungsmeldungen gezeigt, dass Fluorchinolone im Vergleich zu anderen Antibiotika auffällig häufig mit schweren, langanhaltenden Schäden assoziiert sind. Besonders relevant ist der Hinweis, dass gängige medizinische Standarduntersuchungen (z. B. Bildgebung, Routine-Labor, neurologische Basisdiagnostik) in vielen dieser Fälle unauffällig oder negativ bleiben, obwohl die Betroffenen schwer betroffen sind (u. a. Seiten 58, 62 und 63). Diese diagnostische Lücke wird als zentrales Problem benannt. In den späteren Abschnitten (S. 58 ff.) stellt die FDA zudem klar, dass der Nutzen von Fluorchinolonen bei häufigen, unkomplizierten Infektionen gering ist, während die Risiken erheblich sein können. Auf dieser Grundlage wurden die Boxed Warnings weiter verschärft und empfohlen, Fluorchinolone nur noch dann einzusetzen, wenn keine geeigneten Alternativen existieren.

Präsentation für ICD-Code (Amerika) | 2024
Fluoroquinolone Adverse Effects need for ICD-10 Code
Das Positionspapier „Fluoroquinolone Adverse Effects – Need for ICD-10-CM Code“ wurde von Stefan Pieper, Facharzt für Allgemeinmedizin in Deutschland, vor dem Centers for Disease Control and Prevention (CDC) präsentiert. Die Präsentation erfolgte im Auftrag der Fluoroquinolone Toxicity Study 501(c)(3) unter Mitwirkung der Patientenvertreterinnen Talia Smith und Audrey Reynolds. Vorgestellt wurden behördliche FDA-Auswertungen und klinische Sicherheitsanalysen, die zeigen, dass Fluorchinolon-Antibiotika schwere, teils dauerhafte Multisystem-Schäden verursachen können, die häufig nicht durch Standarddiagnostik nachweisbar sind. Ziel der Präsentation war die Begründung eines eigenen ICD-Primärcodes zur korrekten Erfassung fluorchinolon-assoziierter Vergiftungen.
Anmerkung: Der Antrag auf Einführung eines ICD-Primärcodes wurde im Anschluss angenommen; seit Oktober 2026 existiert in den USA ein eigener ICD-10-CM-Primärcode für die Vergiftung durch Fluorchinolone.
BMG (Deutschland) | 2021
GLOBALER AKTIONSPLAN FÜR
PATIENTENSICHERHEIT 2021-2030
Anmerkung: Der WHO Global Patient Safety Action Plan 2021–2030 macht deutlich, dass Patientensicherheit nur dann verbessert werden kann, wenn Behandlungsfehler und unerwünschte Ereignisse systematisch erfasst, ausgewertet und transparent gemacht werden. Die WHO kritisiert ausdrücklich, dass fehlende oder unvollständige Statistiken ein zentrales Hindernis für wirksame Prävention und Lernen im Gesundheitssystem darstellen. Gefordert werden verbindliche, repräsentative Datenerhebungen, eine offene, nicht-strafende Meldekultur sowie zentrale Auswertungssysteme, um Risiken frühzeitig zu erkennen und strukturelle Verbesserungen umzusetzen. Vor diesem Hintergrund ist relevant, dass es in Deutschland laut Medizinischem Dienst keine repräsentative bundesweite Statistik zu Behandlungsfehlern gibt – ein klarer Widerspruch zu den WHO-Empfehlungen, der die Aufarbeitung von Patientenschäden, die Entwicklung gezielter Präventionsmaßnahmen und die Verbesserung der Patientensicherheit erheblich erschwert.
CDC (Amerika) | 2024
ICD-10 Coordination and Maintenance Committee Meeting
Auf den Seiten 18–20 des ICD-10-Meeting-Protokolls wird der Tagesordnungspunkt „Adverse effect to Fluoroquinolones“ vorgestellt, in dem Fluorchinolon-Antibiotika (FQs) als eine weit verbreitete Klasse von Breitband-Antibiotika beschrieben werden, die häufig bei Atemwegs- und Harnwegsinfektionen eingesetzt werden. Obwohl ihre therapeutische Wirksamkeit anerkannt ist, werden sie von der U.S. Food and Drug Administration (FDA) mit einer Vielzahl ernster systemischer Nebenwirkungen in Verbindung gebracht – darunter schwere Schäden an Sehnen, Muskeln, Gelenken, Nerven und dem zentralen Nervensystem sowie neurologische, gastrointestinale und kardiovaskuläre Effekte, die stunden bis Wochen nach der Einnahme auftreten und teils dauerhaft sein können. Die FDA hat bereits in früheren Sicherheitsmeldungen (Black Box Warnings) auf diese Risiken hingewiesen. Die Untererfassung solcher Ereignisse wird betont, da viele Fälle nicht gemeldet werden, obwohl wegen der hohen Verordnungszahlen die absolute Zahl der Betroffenen groß ist. In diesem Zusammenhang wird zitiert, dass laut einem Bayer-Medical-Director 2019 weltweit rund 800 Millionen Fluorchinolon-Dosen von einem einzigen Hersteller verwendet wurden und selbst wenn nur etwa 1 % der Behandelten Nebenwirkungen entwickeln, dies rechnerisch ca. 8 Millionen betroffene Personen pro Jahr bedeuten würde. Auf Seite 20 werden in der Folge neue vorgeschlagene ICD-10-Codierungen aufgeführt, darunter ein neuer Codeabschnitt T36.AX5 für „Adverse effect of fluoroquinolone antibiotics“, um solche Nebenwirkungen künftig systematisch kodieren zu können.
Kurz gesagt:
Es werden neue ICD-10-Codes vorgeschlagen, u. a. speziell für Fluorchinolon-Nebenwirkungen.
- CDC-Meeting dokumentiert die Anerkennung schwerer Nebenwirkungen von Fluorchinolonen.
- FDA-Warnhinweise werden zitiert, und sehr hohe Verordnungszahlen führen zu Millionen potenziell Betroffener.
Frankreich | 2026
Versorgung / Behandlung der unerwünschten Wirkungen von Fluorchinolonen
Die Haute Autorité de santé (HAS) hat im Januar 2026 eine offizielle Rahmennote zur Versorgung von Patient:innen mit schweren Nebenwirkungen nach Fluorchinolonen verabschiedet. Anlass war eine Alarmsignalisierung durch Patientenvertretungen (Fluoroquinolones France) , die auf schwere, teils dauerhafte und multisystemische Schäden sowie große Defizite in der medizinischen Anerkennung und Versorgung hingewiesen hatten. Die HAS kommt zu dem Ergebnis, dass es keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage für evidenzbasierte Therapieempfehlungen gibt, da die Schadensbilder sehr heterogen sind und belastbare Biomarker fehlen. Statt Leitlinien wurden daher Informationsmaterialien für Ärzt:innen beschlossen, mit Fokus auf Erkennen, Melden und grundlegende Versorgung.
Bestätigt wird, dass schwere Nebenwirkungen bereits während der Einnahme oder Monate nach Absetzen auftreten können und potenziell dauerhaft oder irreversibel sind. Beschrieben werden u. a. Sehnen- und Muskelschäden, periphere Neuropathien (inkl. Small-Fiber-Neuropathie), neuropsychiatrische Symptome, kardiovaskuläre Ereignisse (QT-Verlängerung, Aortenaneurysmen), Nieren- und Leberschäden sowie Stoffwechselstörungen. Die HAS erkennt ausdrücklich das klinische Muster der multisystemischen, anhaltenden Schädigung an, das international als fluoroquinolone-associated disability beschrieben wird, betont jedoch, dass dieses Krankheitsbild bislang nur unzureichend im Versorgungssystem abgebildet ist.
Ziel der HAS-Initiative ist es, diagnostische Irrwege zu reduzieren, die Pharmakovigilanz zu verbessern, Ärzt:innen für diese Schadensbilder zu sensibilisieren und eine bessere, wenn auch weiterhin begrenzte, medizinische Begleitung der Betroffenen zu ermöglichen.
