Ausgewählte Studien & Fachartikel
Diese Seite zeigt bewusst nur eine begrenzte Auswahl besonders relevanter Studien und Fachdokumente.
Die vollständige internationale Studienlage ist deutlich umfangreicher und wächst kontinuierlich.
Eine große Auswahl an Studien zu Fluorchinolonen und Fluorchinolon-assoziierter Behinderung ist bei der Fluoroquinolone Study Foundation zu finden.
Länder
Studien

BMC Medicine | 2025
High risk for life-threatening adverse events of fluoroquinolones in young adults: a large German population-based cohort study
In einer großen deutschen Studie mit Krankenkassendaten wurde untersucht, ob die Einnahme von Fluorchinolon-Antibiotika mit schweren Nebenwirkungen zusammenhängt. Dafür verglich man mehrere Millionen Behandlungen mit Fluorchinolonen mit anderen gängigen Antibiotika und beobachtete die Betroffenen bis zu ein Jahr lang.
Dabei zeigte sich, dass Fluorchinolone häufiger mit schweren Problemen wie Todesfällen, Leberschäden, Herzrhythmusstörungen und Erkrankungen der Hauptschlagader verbunden waren – allerdings nicht bei allen gleich. Besonders auffällig waren ein erhöhtes Risiko für Todesfälle und Leberschäden bei Frauen unter 70 Jahren, ein erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen bei jungen Männern sowie Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Aortenschäden bei jungen Frauen.
Die Risiken fielen je nach Vergleichsantibiotikum unterschiedlich aus und nahmen bei höheren Dosierungen zu, was zeigt, dass Fluorchinolone je nach Personengruppe deutlich unterschiedliche und teils ernsthafte Risiken haben können. (kI)

Angewandte Chemie (International Edition) | 2025
Chemical Proteomics Reveals Human Off-Targets of Fluoroquinolone Induced Mitochondrial Toxicity
Die Studie zeigt erstmals konkrete „menschliche Off-Targets“ (also unbeabsichtigte Bindungspartner) von Fluorchinolonen, die mitochondriale Toxizität erklären helfen: In menschlichen Zellen führten vor allem Ciprofloxacin und Levofloxacin zu einer messbaren Störung der Atmungskette (besonders Komplex I und IV). Mit chemoproteomischen Methoden (u. a. Photo-Affinity-Profiling mit FQ-Sonden und Thermal Proteome Profiling) wurden anschließend die wichtigsten Bindungspartner in lebenden Zellen identifiziert: AIFM1 (mitochondrial) und IDH2. Beide Interaktionen wurden biochemisch validiert; dabei triggert AIFM1-vermittelte ETC-Dysfunktion eine kompensatorische Stoffwechsel-„Rettung“ über IDH2 (reverse Carboxylierung) – wird IDH2 gleichzeitig gehemmt, verstärkt sich die mitochondriale Toxizität. Insgesamt liefert die Arbeit einen plausiblen molekularen Mechanismus, warum Fluorchinolone mitochondriale Schäden auslösen können, und liefert Ansatzpunkte, um künftig sicherere Fluorchinolone zu entwickeln. (kI)

NeuroSci | 2021
Fluoroquinolones-Associated Disability: It Is Not All in Your Head
Die Publikation ist eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit über die toxischen Nebenwirkungen von Fluorchinolon-Antibiotika, mit besonderem Fokus auf neurologische Effekte und mögliche Beteiligung des Nervus vagus. Fluorchinolone werden zwar zur Behandlung bakterieller Infektionen eingesetzt, stehen aber im Zusammenhang mit einer Reihe seltener, teils langanhaltender Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen (QT-Verlängerung), Krampfanfällen, psychischen Symptomen, peripherer Neuropathie, Sehnenrissen und anderen Störungen. Die Autor:innen diskutieren, dass Fluorchinolone selektiv an GABAᴀ-Rezeptoren binden und so die GABA-Signalübertragung hemmen können, was den Nervus vagus und seine Kontrolle des Magen-Darm-Trakts beeinträchtigen könnte und zu chronischen gastrointestinalen Symptomen beitragen kann. Obwohl der Begriff „Fluorchinolon-assoziierte Behinderung (FQAD)“ von der US-Arzneimittelbehörde (FDA) vorgeschlagen wurde, ist dieses Syndrom bislang nicht offiziell anerkannt, was u. a. an der Vielfalt der Symptome und fehlenden eindeutig reproduzierbaren Tiermodellen liegt. Die Arbeit fasst vorhandene klinische und experimentelle Erkenntnisse zusammen und schlägt vor, dass neurochemische Ungleichgewichte durch die Wirkung der Antibiotika auf zentrale Nervensystem-Signalwege eine Rolle bei der Entstehung langfristiger Nebenwirkungen spielen könnten. (kI)

WIdo| 2019
Risikoreiche Verordnungen von
Fluorchinolon-Antibiotika in
Deutschland
Der Bericht des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) untersucht die Verordnungspraxis von Fluorchinolon-Antibiotika in Deutschland und schätzt anhand vorhandener Studien ab, wie viele Patienten dadurch einem zusätzlichen Risiko für schwerwiegende Nebenwirkungen ausgesetzt sind. Fluorchinolone wurden 2018 trotz bekannter Risiken noch relativ häufig verordnet – etwa 3,3 Millionen Patient:innen erhielten sie, obwohl gut wirksame und risikoärmere Antibiotika verfügbar sind. Basierend auf epidemiologischen Hochrechnungen könnte dies zu mehr als 40.000 zusätzlichen Nebenwirkungen geführt haben, darunter vor allem neurologische Symptome, Sehnenrisse und Schädigungen der Hauptschlagader, sowie zu etwa 140 zusätzlichen Todesfällen, die durch andere Antibiotika hätten vermieden werden können. Die Analyse kritisiert, dass Fluorchinolone oft nicht als Reserve-Antibiotika, sondern auch bei leichteren Infektionen eingesetzt werden und fordert eine stärkere Berücksichtigung der Risiken durch Ärzt:innen, bessere Patientenaufklärung und mehr Verantwortung der pharmazeutischen Hersteller im Umgang mit bekannten Sicherheitsproblemen. (kI)

BMC Cardiovascular Disorders| 2025
Verwendung von Fluorchinolon und Aortenaneurysma oder -dissektion: Eine deutsche Kohortenstudie basierend auf landesweiter SHI – ambulante Angaben von Ärzten bestätigen ein erhöhtes Risiko
Eine große deutsche Kohortenstudie zeigt, dass die Einnahme von Fluorchinolon-Antibiotika mit einem erhöhten Risiko für Aortenaneurysmen und Aortendissektionen verbunden ist. Im Vergleich zu anderen Antibiotika war das Risiko deutlich erhöht, auch nach Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und zugrunde liegenden Infektionen. Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass Fluorchinolone Gefäß- und Bindegewebsstrukturen schädigen können und unterstreichen die Notwendigkeit einer strengen Nutzen-Risiko-Abwägung. (kI)

Biomed Pharmacother | 2016
Das Antibiotikum Levofloxacin hemmt die Proliferation und induziert die Apoptose von Lungenkrebszellen durch Induzierung einer mitochondrialen Dysfunktion und oxidativer Schädigung.
Die chinesische Studie untersuchte, ob das Antibiotikum Levofloxacin – eigentlich zur Behandlung bakterieller Infektionen – auch gegen Lungenkrebszellen wirkt. Die Forschenden zeigten in Zellkultur- und Maus-Modellen, dass Levofloxacin das Wachstum von Lungenkrebszellen hemmt und vermehrt ihren programmierten Zelltod (Apoptose) auslöst. Mechanistisch blockiert das Medikament die Mitochondrialen Elektronentransportketten-Komplexe I und III, was zu einer gestörten mitochondrialen Atmung, weniger ATP-Bildung und erhöhtem oxidativem Stress (mehr ROS) führt. Diese oxidative Schädigung scheint entscheidend für die anti-tumoralen Effekte zu sein, da sie durch Antioxidantien abgeschwächt werden kann. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Levofloxacin – und allgemein die gezielte Störung der mitochondrialen Funktion – ein potenzieller therapeutischer Ansatz für Lungenkrebs sein könnte. (kI)

Oxid Med Cell Longev | 2017
Behandlung der durch Fluorchinolone verursachten Behinderung: Die pathobiochemischen Auswirkungen
Die Publikation gibt einen Überblick über das chronische Syndrom „Fluorchinolon-assoziierte Behinderung“ (FQAD), bei dem Betroffene lange nach einer Therapie mit Fluorchinolon-Antibiotika weiterhin unter Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Nervenschäden, Sehnen- und Muskelproblemen sowie weiteren Beschwerden leiden. Die Autor*innen fassen bekannte pathobiochemische Mechanismen zusammen, darunter oxidative Stress-Antworten, Mitochondrienstörungen und mögliche epigenetische Effekte, und betonen, dass das genaue zelluläre Wirkprofil von Fluorchinolonen noch nicht vollständig verstanden ist. Da es bislang keine wirksame Standardtherapie für FQAD gibt, schlagen sie auf Basis der Literatur mehrere therapeutische Ansatzpunkte vor: Reduktion von oxidativem Stress, Wiederherstellung des mitochondrialen Membranpotenzials, ergänzende Gabe von essentiellen Ionen, Stimulation der Mitochondrienproliferation, Elimination eventuell in Zellen akkumulierten Wirkstoffs und Modulation gestörter Genexpression und Enzymfunktionen. (kI)

PM&R | 2011
Muskuloskelettale Komplikationen durch Fluorchinolone: Leitlinien und Vorsichtsmaßnahmen für die Anwendung bei Sportlern
Die Arbeit ist ein klinischer Übersichtsartikel über muskuloskelettale Komplikationen, die mit dem Einsatz von Fluorchinolon-Antibiotika bei Erwachsenen verbunden sind. Sie fasst zusammen, dass Fluorchinolone nicht nur zu Tendinopathien und Sehnenrupturen führen können, sondern auch Schäden an Knorpel, Knochen und Muskelgewebe nach sich ziehen. Die Pathogenese scheint multifaktoriell und beinhaltet direkte toxische Effekte auf Zellen, Chelation von essentiellen Ionen (z. B. Mg²⁺), Stimulation von Matrix-abbauenden Enzymen (MMPs) und erhöhten oxidativen Stress, was letztlich zu einem Ungleichgewicht zwischen Gewebeabbau und -reparatur führt. Epidemiologische Daten belegen ein deutlich erhöhtes Risiko für Tendenerkrankungen, insbesondere bei älteren Personen und gleichzeitiger Kortikosteroidtherapie. Auch negative Effekte auf Frakturheilung in Tiermodellen, chondrotoxische Veränderungen und muskuläre Symptome bis hin zu Rhabdomyolyse werden beschrieben. Praktische Empfehlungen umfassen die Minimierung von Risikofaktoren, frühzeitige Erkennung von Symptomen, das Absetzen des Wirkstoffs bei Beschwerden und Vorsicht bei sportlicher Belastung oder bekannten muskulären/vorhandenen Gewebeschäden. Insgesamt zeigt der Review ein breites Spektrum muskulärer Nebenwirkungen von Fluorchinolonen und betont, wie wichtig Vorsicht, Aufklärung und klinisches Management bei betroffenen Patienten ist. (kI)

Springer nature PM&R | 2022
Regenerationsschwierigkeiten bei Patienten mit FQAD können den Einsatz von iPSc-basierter Zelltherapie einschränken.
Die Studie „Regeneration difficulties in patients with FQAD can limit the use of iPSc-based cell therapy“ untersucht, wie sich Zellen von Personen mit fluorchinolon-assoziierter Behinderung (FQAD) zu induzierbaren pluripotenten Stammzellen (iPSZ) umprogrammieren lassen und welche Herausforderungen dabei bestehen. Die Forschenden sammelten Urinzellen von zehn FQAD-Betroffenen und versuchten, diese in iPSZ umzuwandeln – ein Ansatz, der bei gesunden Spendern relativ gut gelingt. In der FQAD-Gruppe gelang die Umprogrammierung jedoch nur bei einer Person; bei den meisten Proben gingen die Zellen schnell in Seneszenz über oder ließen sich nicht stabil kultivieren. Im Vergleich dazu war die Erfolgsrate bei gesunden Kontrollen deutlich höher. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass es bei FQAD-Patienten erhebliche Schwierigkeiten im regenerativen System geben könnte, was die Nutzung von autologen iPSZ-basierten Therapien in dieser Gruppe erschweren würde, auch wenn es gelungen ist, erstmals eine iPSZ-Linie aus einem FQAD-Spender zu etablieren. (kI)

Springer nature PM&R | 2022
Versteckte Gefahren von Fluorchinolon-Antibiotika bei benzodiazepinabhängigen Patienten
Die Studie „Regeneration difficulties in patients with FQAD can limit the use of iPSc-based cell therapy“ untersucht, wie sich Zellen von Personen mit fluorchinolon-assoziierter Behinderung (FQAD) zu induzierbaren pluripotenten Stammzellen (iPSZ) umprogrammieren lassen und welche Herausforderungen dabei bestehen. Die Forschenden sammelten Urinzellen von zehn FQAD-Betroffenen und versuchten, diese in iPSZ umzuwandeln – ein Ansatz, der bei gesunden Spendern relativ gut gelingt. In der FQAD-Gruppe gelang die Umprogrammierung jedoch nur bei einer Person; bei den meisten Proben gingen die Zellen schnell in Seneszenz über oder ließen sich nicht stabil kultivieren. Im Vergleich dazu war die Erfolgsrate bei gesunden Kontrollen deutlich höher. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass es bei FQAD-Patienten erhebliche Schwierigkeiten im regenerativen System geben könnte, was die Nutzung von autologen iPSZ-basierten Therapien in dieser Gruppe erschweren würde, auch wenn es gelungen ist, erstmals eine iPSZ-Linie aus einem FQAD-Spender zu etablieren. (kI)
Länderspezifische Dokumente
MHRA (Großbritanien) | 2025
Überprüfung der Risikominimierung hinsichtlich behindernder und potenziell langanhaltender/irreversibler Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Fluorchinolon-Antibiotika
Der Public Assessment Report der britischen Arzneimittelbehörde Medicines and Healthcare products Regulatory Agency (MHRA) bewertet die Sicherheit von Fluorchinolon-Antibiotika angesichts von Meldungen über schwere, langanhaltende und potenziell irreversible Nebenwirkungen, die mehrere Körpersysteme betreffen können, etwa Sehnen, Muskeln, Nerven oder die Psyche. Der Bericht fasst Daten aus freiwilligen Meldesystemen („Yellow Card“), europäischen Verschreibungsstudien, wissenschaftlicher Literatur und Erfahrungen von Patient:innen zusammen und wurde der unabhängigen Commission on Human Medicines (CHM) vorgelegt, die Empfehlungen abgab. Daraufhin empfahl die CHM, die Warnhinweise in den Produktinformationen zu stärken, darunter klare Hinweise, dass Fluorchinolone nur dann eingesetzt werden sollen, wenn andere geeignete Antibiotika ungeeignet sind, und die Beschreibung der möglichen Nebenwirkungen zu überarbeiten. Die CHM forderte auch bessere Sicherheitskommunikation an Ärzt:innen und die Zusammenarbeit mit medizinischen Fachgesellschaften, um die Risiken besser zu vermitteln. Die MHRA hat Teile dieser Empfehlungen bereits umgesetzt, etwa durch aktualisierte Produktinformationen und Sicherheitshinweise, und arbeitet weiter daran, Bewusstsein und Risikominimierung im britischen Gesundheitswesen zu verbessern.
Bfarm (Deutschland)| 2019
Fluorchinolone: Schwere und langanhaltende Nebenwirkungen im Bereich Muskeln, Gelenke und Nervensystem
Die Seite des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) dokumentiert die Umsetzung des EU-weiten Risikobewertungsverfahrens zu Fluorchinolonen und Chinolonen infolge neu identifizierter schwerer, langanhaltender und potenziell irreversibler Nebenwirkungen, die insbesondere Muskeln, Sehnen, Gelenke und das Nervensystem betreffen. Grundlage ist das europäische Artikel-31-Verfahren (Start 2017), einschließlich öffentlicher Anhörungen 2018 und der wissenschaftlichen Bewertung durch PRAC und CHMP. Infolge dessen wurden Anwendungseinschränkungen, geänderte Indikationen, umfangreiche Warnhinweise sowie Rote-Hand-Briefe eingeführt; einzelne Wirkstoffe wurden vom Markt genommen, andere auf klar definierte Anwendungsgebiete beschränkt. Die Nebenwirkungen können während der Behandlung oder erst Monate nach Absetzen auftreten und mehrere Organsysteme gleichzeitig betreffen. Besonders gefährdet sind u. a. ältere Menschen, Patient:innen mit Nierenfunktionsstörungen, Transplantierte sowie Personen unter gleichzeitiger Kortikosteroid-Therapie. Das BfArM empfiehlt, Fluorchinolone nicht bei leichten oder selbstlimitierenden Infektionen einzusetzen, die Therapie bei ersten Symptomen sofort zu beenden und sie nicht erneut anzuwenden, wenn bereits schwere Nebenwirkungen aufgetreten sind.
FDA (Amerika)| 2017
Fluoroquinolone Safety Labeling Changes
Der FDA-Bericht „Fluoroquinolone Safety Labeling Updates“ dokumentiert, warum Fluorchinolon-Antibiotika mit den strengsten Warnhinweisen versehen wurden. Auf Seite 37 beschreibt die FDA Fallanalysen, bei denen Betroffene gleichzeitig Symptome in mehreren Organsystemen entwickelten (u. a. Nerven, Muskeln, Sehnen, Psyche, Sinnesorgane) – ein Muster, das heute als Fluoroquinolone-Associated Disability (FQAD) bezeichnet wird. Auf Seite 45 wird anhand ausgewerteter Nebenwirkungsmeldungen gezeigt, dass Fluorchinolone im Vergleich zu anderen Antibiotika auffällig häufig mit schweren, langanhaltenden Schäden assoziiert sind. Besonders relevant ist der Hinweis, dass gängige medizinische Standarduntersuchungen (z. B. Bildgebung, Routine-Labor, neurologische Basisdiagnostik) in vielen dieser Fälle unauffällig oder negativ bleiben, obwohl die Betroffenen schwer betroffen sind (u. a. Seiten 58, 62 und 63). Diese diagnostische Lücke wird als zentrales Problem benannt. In den späteren Abschnitten (S. 58 ff.) stellt die FDA zudem klar, dass der Nutzen von Fluorchinolonen bei häufigen, unkomplizierten Infektionen gering ist, während die Risiken erheblich sein können. Auf dieser Grundlage wurden die Boxed Warnings weiter verschärft und empfohlen, Fluorchinolone nur noch dann einzusetzen, wenn keine geeigneten Alternativen existieren.
Präsentation für ICD-Code (Amerika) | 2024
Nebenwirkungen von Fluorchinolonen – Notwendigkeit eines ICD-10-Codes
Das Positionspapier „Fluoroquinolone Adverse Effects – Need for ICD-10-CM Code“ wurde von Stefan Pieper, Facharzt für Allgemeinmedizin in Deutschland, vor dem Centers for Disease Control and Prevention (CDC) präsentiert. Die Präsentation erfolgte im Auftrag der Fluoroquinolone Toxicity Study 501(c)(3) unter Mitwirkung der Patientenvertreterinnen Talia Smith und Audrey Reynolds. Vorgestellt wurden behördliche FDA-Auswertungen und klinische Sicherheitsanalysen, die zeigen, dass Fluorchinolon-Antibiotika schwere, teils dauerhafte Multisystem-Schäden verursachen können, die häufig nicht durch Standarddiagnostik nachweisbar sind. Ziel der Präsentation war die Begründung eines eigenen ICD-Primärcodes zur korrekten Erfassung fluorchinolon-assoziierter Vergiftungen.
Anmerkung: Der Antrag auf Einführung eines ICD-Primärcodes wurde im Anschluss angenommen; seit Oktober 2026 existiert in den USA ein eigener ICD-10-CM-Primärcode T36.AX5 für die Vergiftung durch Fluorchinolone!
BMG (Deutschland) | 2021
GLOBALER AKTIONSPLAN FÜR
PATIENTENSICHERHEIT 2021-2030
Anmerkung: Der WHO Global Patient Safety Action Plan 2021–2030 macht deutlich, dass Patientensicherheit nur dann verbessert werden kann, wenn Behandlungsfehler und unerwünschte Ereignisse systematisch erfasst, ausgewertet und transparent gemacht werden. Die WHO kritisiert ausdrücklich, dass fehlende oder unvollständige Statistiken ein zentrales Hindernis für wirksame Prävention und Lernen im Gesundheitssystem darstellen. Gefordert werden verbindliche, repräsentative Datenerhebungen, eine offene, nicht-strafende Meldekultur sowie zentrale Auswertungssysteme, um Risiken frühzeitig zu erkennen und strukturelle Verbesserungen umzusetzen. Vor diesem Hintergrund ist relevant, dass es in Deutschland laut Medizinischem Dienst keine repräsentative bundesweite Statistik zu Behandlungsfehlern gibt – ein klarer Widerspruch zu den WHO-Empfehlungen, der die Aufarbeitung von Patientenschäden, die Entwicklung gezielter Präventionsmaßnahmen und die Verbesserung der Patientensicherheit erheblich erschwert.
CDC (Amerika) | 2024
ICD-10 Coordination and Maintenance Committee Meeting
Auf den Seiten 18–20 des ICD-10-Meeting-Protokolls wird der Tagesordnungspunkt „Adverse effect to Fluoroquinolones“ vorgestellt, in dem Fluorchinolon-Antibiotika (FQs) als eine weit verbreitete Klasse von Breitband-Antibiotika beschrieben werden, die häufig bei Atemwegs- und Harnwegsinfektionen eingesetzt werden. Obwohl ihre therapeutische Wirksamkeit anerkannt ist, werden sie von der U.S. Food and Drug Administration (FDA) mit einer Vielzahl ernster systemischer Nebenwirkungen in Verbindung gebracht – darunter schwere Schäden an Sehnen, Muskeln, Gelenken, Nerven und dem zentralen Nervensystem sowie neurologische, gastrointestinale und kardiovaskuläre Effekte, die stunden bis Wochen nach der Einnahme auftreten und teils dauerhaft sein können. Die FDA hat bereits in früheren Sicherheitsmeldungen (Black Box Warnings) auf diese Risiken hingewiesen. Die Untererfassung solcher Ereignisse wird betont, da viele Fälle nicht gemeldet werden, obwohl wegen der hohen Verordnungszahlen die absolute Zahl der Betroffenen groß ist. In diesem Zusammenhang wird zitiert, dass laut einem Bayer-Medical-Director 2019 weltweit rund 800 Millionen Fluorchinolon-Dosen von einem einzigen Hersteller verwendet wurden und selbst wenn nur etwa 1 % der Behandelten Nebenwirkungen entwickeln, dies rechnerisch ca. 8 Millionen betroffene Personen pro Jahr bedeuten würde. Auf Seite 20 werden in der Folge neue vorgeschlagene ICD-10-Codierungen aufgeführt, darunter ein neuer Codeabschnitt T36.AX5 für „Adverse effect of fluoroquinolone antibiotics“, um solche Nebenwirkungen künftig systematisch kodieren zu können.
Kurz gesagt:
Es werden neue ICD-10-Codes vorgeschlagen, u. a. speziell für Fluorchinolon-Nebenwirkungen.
- CDC-Meeting dokumentiert die Anerkennung schwerer Nebenwirkungen von Fluorchinolonen.
- FDA-Warnhinweise werden zitiert, und sehr hohe Verordnungszahlen führen zu Millionen potenziell Betroffener.
HAS (Frankreich) | 2026
Versorgung / Behandlung der unerwünschten Wirkungen von Fluorchinolonen
Die Haute Autorité de santé (HAS) hat im Januar 2026 eine offizielle Rahmennote zur Versorgung von Patient:innen mit schweren Nebenwirkungen nach Fluorchinolonen verabschiedet. Anlass war eine Alarmsignalisierung durch Patientenvertretungen (Fluoroquinolones France) , die auf schwere, teils dauerhafte und multisystemische Schäden sowie große Defizite in der medizinischen Anerkennung und Versorgung hingewiesen hatten. Die HAS kommt zu dem Ergebnis, dass es keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage für evidenzbasierte Therapieempfehlungen gibt, da die Schadensbilder sehr heterogen sind und belastbare Biomarker fehlen. Statt Leitlinien wurden daher Informationsmaterialien für Ärzt*innen beschlossen, mit Fokus auf Erkennen, Melden und grundlegende Versorgung.
Bestätigt wird, dass schwere Nebenwirkungen bereits während der Einnahme oder Monate nach Absetzen auftreten können und potenziell dauerhaft oder irreversibel sind. Beschrieben werden u. a. Sehnen- und Muskelschäden, periphere Neuropathien (inkl. Small-Fiber-Neuropathie), neuropsychiatrische Symptome, kardiovaskuläre Ereignisse (QT-Verlängerung, Aortenaneurysmen), Nieren- und Leberschäden sowie Stoffwechselstörungen. Die HAS erkennt ausdrücklich das klinische Muster der multisystemischen, anhaltenden Schädigung an, das international als fluoroquinolone-associated disability beschrieben wird, betont jedoch, dass dieses Krankheitsbild bislang nur unzureichend im Versorgungssystem abgebildet ist.
Ziel der HAS-Initiative ist es, diagnostische Irrwege zu reduzieren, die Pharmakovigilanz zu verbessern, Ärzt:innen für diese Schadensbilder zu sensibilisieren und eine bessere, wenn auch weiterhin begrenzte, medizinische Begleitung der Betroffenen zu ermöglichen. (kI)
Bfarm (Deutschland)| 2023
FAQ zu Fluorchinolon-Antibiotika
Die FAQ des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) fassen die Ergebnisse der EU-weiten Neubewertung von Chinolon- und Fluorchinolon-Antibiotika zusammen, die aufgrund schwerwiegender, langanhaltender und potenziell irreversibler Nebenwirkungen eingeleitet wurde. Diese Nebenwirkungen können Muskeln, Sehnen, Gelenke und das Nervensystem betreffen, über Monate oder Jahre anhalten, verzögert auftreten und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Auf Basis der Bewertungen durch PRAC und EMA wurden Anwendungseinschränkungen, aktualisierte Fach- und Gebrauchsinformationen sowie Rote-Hand-Briefe eingeführt; Fluorchinolone sollen nicht bei leichten oder selbstlimitierenden Infektionen eingesetzt und bei ersten Warnzeichen sofort abgesetzt werden. Besonders gefährdet sind u. a. ältere Menschen, Personen mit Nierenfunktionsstörungen, Transplantierte sowie Patient:innen unter gleichzeitiger Kortikosteroid-Therapie. Die FAQ betonen zudem, dass es keine spezifische Therapie für diese Nebenwirkungen gibt, kein Gentest zur Vorhersage existiert und dass trotz Maßnahmen Fluorchinolone weiterhin außerhalb empfohlener Indikationen verordnet werden, weshalb weitere Überwachung und Forschung notwendig sind.

Swiss Med (Schweiz)| 2022
Fluorchinolon-Antibiotika – was wir zwei Jahre nach der Beschränkung durch die Europäische Kommission nicht vergessen sollten
Der Beitrag von Bausch und Bonkat reflektiert zwei Jahre nach den rechtlichen Beschränkungen für Fluorchinolon-Antibiotika in der EU, wie diese Wirkstoffe weiterhin in der klinischen Praxis genutzt werden und welche Risiken bestehen. Früher weit verbreitet für zahlreiche Indikationen, inklusive unkomplizierter Infektionen und Prophylaxe, sind Fluorchinolone heute nur noch eingeschränkt indiziert, da sie mit schweren, teilweise bleibenden Nebenwirkungen (z. B. Sehnen-, Knorpel- und Nervenschäden) assoziiert sind. Trotz EU-Restriktionen zeigen Daten aus der Schweiz und anderen Ländern, dass der Verbrauch zwar rückläufig ist, aber weiterhin nicht nur den Empfehlungen entspricht; zudem sind Meldezahlen zu Nebenwirkungen unverändert hoch, was zum Teil auf Unter- bzw. Fehlzuordnungen zurückgeführt wird. Die Autoren betonen die Notwendigkeit, Indikationen sorgfältig zu prüfen, Risiken bewusst zu machen und die bekannten Sicherheitswarnungen streng zu beachten, um unnötige Gesundheitsschäden zu vermeiden. (kI)
